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Von China über Italien soll das Ritual für Liebespaare vor sechs Jahren nach Deutschland gelangt sein. In Köln hat es angefangen, so das Zeit-Magazin Nr. 10/2014, und inzwischen zieren die Liebesschlösser jedes irgendwie geeignete Brückengeländer im Land. Je schöner die Brücke, desto mehr. Denn es ist so einfach: Liebespaar kauft sich ein kleines Vorhängeschloss, schreibt seinen und ihren Namen darauf (gleichgeschlechtlich Liebende scheinen dieses Ritual albern zu finden, denn nach zwei Frauen- oder Männernamen sucht man vergebens) befestigt das Schloss am Brückengeländer und dann werden die beiden dazugehörigen Schlüssel nach unten geworfen. Ins tiefe Wasser, wo sie niemand mehr findet. Oder auf die Bahnschienen. Ein Volltreffer ist es, wenn kurz darauf ein Zug kommt und einen Schlüssel plattmacht, ihn mit den Schienen verschmelzen lässt.

Ein Vorhängeschloss als Symbol der großen Liebe ist doch eher ein abschreckendes Sinnbild, oder? Aber was soll’s, verbindlich ist es eh nicht. Wer kennt denn schon die Marie und den Sebastian, die Maggy und den Christian, die sich da zusammengeschlossen haben? Und war es wirklich ein so großer Moment, als die beiden ihr Schloss an der Brücke befestigt und einander liebevoll den Vortritt lassen wollten: Schließ du ab! Nein Du! Nein Du…

Da war es doch weitaus romantischer, als WALTER und LIESEL ehedem in den tiefen, dunklen Wald gingen und ihre Namen in Großbuchstaben in eine Baumrinde ritzten, sie mit einem Herz umrandeten und danach rund um den Baum ein bisschen Fangen spielten? Als Walter dann mit Elvira fremdging, zögerte Liesel nicht lange: Sie ging mit einem Messer in den Wald, schnitzte „W“ und „LI“ einfach weg, das Herz ebenfalls, und dann stand da ALTER ESEL. Dahinter setzte sie noch ein großes Ausrufezeichen! Das war echte Trauerarbeit.
Liebe Kinder, seid doch bitte ein bisschen kreativer und individueller und mutiger. Lasst euch den Namen eurer großen Liebe in die Haut stechen! Dann hat es wenigstens eine Konsequenz, wenn es aus ist: Was wird der David sagen zu dem André auf meiner Schulter? Gebt Geld aus und kauft euch schöne Freundschaftsringe, die ihr selber tragen müsst. Doch verschont den öffentlichen Raum mit Namen, die Schall und Rauch sind, und mit Metallschrott!

Am Eisernen Steg in Frankfurt (unser Bild) haben die Brückenschlösser in überschaubarer Anzahl durchaus noch etwas Romantisches und Ästhetisches. Doch auf der Pont des Arts, der Brücke der Künste, die in Paris über die Seine zum Louvre führt, sieht es anders aus: Wie Schwärme von Ungeziefer hängen dort die Schlösser in Massen übereinander. Camille und Claude finden ihr Liebesschloss gar nicht mehr wieder, denn es ist über und über von anderen Schlössern bedeckt, die sich einfach an sie drangehängt haben.
Bezirksbürgermeister Lecoq findet das, wie die Süddeutsche am 10. Juni schreibt, überhaupt nicht mehr witzig. Er musste die berühmte Fußgängerbrücke für einen Tag sperren lassen, weil ein Teil des Geländers unter der Last von tausenden kleinen Vorhängeschlössern zusammenzubrechen drohte. Was, wenn ein Geländerstück herausbricht und in die Seine stürzt, direkt auf eines der vielen Touristenschiffe, die dort verkehren?, fragt er zu Recht.

Schrotthändler, jetzt schlägt eure Stunde. Ihr braucht doch nichts weiter als eine kleine Zange…
Wäre das Diebstahl oder ein Dienst an der Allgemeinheit? Wie Bezirksbürgermeister Lecoq darüber denkt, dürfte klar sein.
Was aber meinen Sie?